Dümmliche
Bindestrich-Titel
9.12.07 - Warum
eigentlich glaubt man
in der Riege der oberschlauen
Fernsehmacher, dass man
der deutschen Nation keine
englischen Titel zumuten
kann. Fast jeder kann
mittlweile diese Sprache
sprechen und lesen - und
die wenigen, die es nicht
können, denen sind
die deutschen Bindestrichanhängsel
ohnehin relativ schnurz.
1. Doppelt gemoppelt
Varianten, die Originaltitel
zu verhunzen, gibt es
mehrere: Da wäre
zum einen die Möglichkeit,
den englischen Titel einfach
nach dem "-"
noch einmal auf Deutsch
zuwiederholen. Das ist
schön überflüssig
und sieht auch noch doof
und ungelenk aus. Beispiel:
»Without A Trace
- Spurlos verschwunden«.
2. Aufgepeppt
Dann wäre da die
Variante B: Hier wird
versucht, der Serie etwas
zusätzlichen Pep
zu verleihen, es soll
reisserischer klingen,
als es das Ami-Original
je könnte. Beispiel:
»Criminal Intent
- Verbrechen im Visier«,
»Deadline - Jede
Sekunde zählt«
oder »Buffy - Im
Bann der Dämonen«.
Da stockt einem doch sofort
der Atem vor Erwartung
und man muss sofort zur
Fernbedienung greifen.
3. Selbsterklärend
Dann gibt es noch die
3. Möglichkeit, bei
denen die Verantwortlichen
offensichtlich sehr besorgt
sind, dass der englische
Titel nicht ausreicht,
um den Serienplot zu umschreiben,
so das wir netterweise
ungefragt eine Erklärung
bekommen. Das kann sich
mit Variante 1 decken.
Hier in Gruppe 3 handelt
es sich allerdings um
keine lediglich plumpe
Wiederholung, sondern
um einen entzaubernden
Erklärungversuch.
Beispiel für so etwas
nervig Überflüssiges:
»Seven Days - Das
Tor zur Zeit« oder
»Bones - Die Knochenjägerin«.
Warum das nötig ist?
Keine Ahnung!.
4. und umgekehrt
Eine besonders absurde
Variante ist, den schon
deutschen Titel mit zusätzlichem
Nach-Bindestrichlichen
abzusichern: »Alarm
für Cobra 11 - Die
Autobahnpolizei«.
Gottsdeidank wurde das
erkärt - sonst wüsste
man gar nicht, worum es
da eigentlich geht ...
Hier kommt das Reisserische
sogar noch vor dem Bindestrich
- das Ganze also in vertauschter
Form.
Früher hatte man
die Titel entweder so
gelassen, wie sie sind
und man lernte schnell
damit umzugehen - warum
auch nicht? Oder sie wurden
komplett eingedeutscht.
Wäre nicht nötig
gewesen, aber meinetwegen
... Jedenfalls hatte damals
die TV-Zeitschrift noch
keine solche Titellängeninflation
aushalten müssen.
Absurd ...
Bei den Spielfilmen hat
dies leider schon eine
längere Tradition.
Gut, hier muss man zugeben,
dass die deutschen Verleihfirmen
sich teilweise schon recht
absurde Titel für
ausländische Filme
einfallen liessen. »Onkel
Paul, die große
Pflaume» und »Louis
taut auf« für
den Louis de Funès-Film
«Hibernatus»,
»Spiel mir das Lied
vom Tod» für
«Once Upon a Time
in the West« oder
auch »Ist ja irre...»
für die britische
»Carry On«-Reihe
sind da nur 3 winzige
Beispiele. Anderes wurde
besser gelöst und
wieder anderes einfach
so gelassen wie es ist.
Es wäre ja auch blöd
den »Terminator«
im deutschen Kino »Beendiger«
zu nennen.
Das wäre zwar irgendwie
unfreiwillig lustig -
macht aber auch heutzutage
keiner. Da geht man mittlerweile
anders - aber ähnlich
plump vor: »Terminator
II - Tag der Abrechnung»
nannte man den 2. Teil,
der im Original »Terminator
2: Judgement Day«
heißt. Na ja, da
hatte der schon im Original
einen Bundestrich - da
hätte man bestenfalls
alles so lassen können.
... affig und markig
Affiger wird es dann auch
im Filmbereich erst, wenn
die knackigen Originaltitel
am Anfang so bleiben wie
sie sind und hinten etwas
drangeplappert bekommen:
«The Santa Clause«
wird dann kurzerhand fürs
doofe deutsche Volk zu
»Santa Clause: Eine
schöne Bescherung»
Wie analog Serienvariante
3 (s.o.) heisst es dann:
»Popeye - Der Seemann
mit dem harten Schlag«
- und im Original? Rüschtüüüg:
NUR »Popeye«.
»Buddy - der Weihnachtself«
heisst im Original nur
»Elf« und
eigentlich wäre das
auch mit einem simplen
Komma hinzubekommen gewesen.
»The Rock«
braucht im Deutschen unbedingt
noch den Zusatz »-
Fels der Entscheidung«
- analog Serienvariante
2 könnte es ja sonst
keiner spannend finden
... Und die ganz harten
Reisser, die RT",
Vox oder Tele5 nachts
gerne noch abspulen, brauchen
sowieso noch was Markiges
im Titel zum Runterspülen:
»Cutter´s
Way - Keine Gnade«,
»The Hidden - Das
unsagbar Böse«
oder »Vertical Limit
- In größter
Gefahr«. Die Originale
kommen dabei durch die
Bank ohne irgendeinen
Zusatz aus».
Auch deutsche TV-Film-Produktionen
werden jetzt gleich mal
genauso behandelt. Hier
gibt es zwar nichts zum
Übersetzen. Und der
gesamte Bindestrichtitel
entsteht ohne Not sofort
nach den Dreharbeiten
des ganzen anderen Murkses,
der von den Drehbuchschreibern
ausgebrütet wurde.
Jetzt noch ein knackiger
Doppeltitel und fertig
ist die Sat.1/RTL-Eigenproduktion
für die Primetime
- anders geht das alles
heute gar nicht mehr.
Schlagzeilen statt
Titel
Und weil sich das bei
den fiktionalen Sendungen
so schön blöd
eingebürgert hat,
warum sollte man dann
bei billig zusammengeschusterten
Reportagen und sonstigen
Dokuformaten darauf verzichten.
Die sind zwar, ebenfalls
wie die gerade genannten
TV-Filme, im Vorderteil
keineswegs englisch -
aber es klingt doch auch
hier alles dann gleich
viel verkaufsfördernder
bzw. selbsterklärender:
»Die Kochprofis
- Einsatz am Herd«,
»Zuhause im Glück
- Unser Einzug in ein
neues Leben« oder
»Das Fast Food-Duell
- Sternekoch gegen Lieferservice«.
Auch die einzelnen Reportagen,
die unter Dachtiteln wie
»exklusiv - die
Reportage oder »Spiegel
TV extra« verbrutzelt
wird, sind derart benannt:
»Hungrig zur Schule
- Kinderarmut in Deutschland«,
»Herz, Schmerz und
Kommerz - Schlager und
die Sehnsucht nach der
heilen Welt« oder
»Mieter gegen Mieter
- Kriege unter deutschen
Dächern«. Jeweils
der zweite Teil hätte
gereicht - aber dann klingt
es gleich nicht mehr so
quotenträchtig!
Und: Je länger, je
lieber könnte man
fast schon denken. Mehr
Platzverbrauch in der
TV-Zeitschrift sichert
mehr Blicke darauf? Eher
unwahrscheinlich und wenn
doch, wahrscheinlich eine
ungewollte Nebenwirkung.
Ungebremster Kreativitätsdrang
Eher ist es doch so, dass
in den Hinterzimmern,
mit der Anzahl der Formate
und der Sender auch die
Zahl der sich (nur selbst)
für tauglich haltenden
Redakteure wächst
und die müssen sich
nun mal kreativ austoben.
Schliesslich hat man ja
auf der Journalistenschule
gelernt, wie das Schema
einer Schlagzeile ausschaut.
Das spielt es keine Rolle,
das Fernsehtitel keine
Schlazeilen sind und sein
sollten.
Aber wenn der Chefredakteur
die dumme Order ausgibt:
"Macht den Titel
gefälligst spannend"
- dann muss das eben so
sein. Wenn die TV-Programmlisten
dann zu quietschigen Quatschspalten
verkommen, dann ist dies
halt nur ein Kollateralschaden
im normalen Quotenkrieg.
Steffen Setzer
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